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Man bildet sich ja weiter...

Man bildet sich ja weiter...

Beitrag#1von Daisy » 4. Nov 2012, 15:19

Hi Ihr
Ich war gestern Abend bei einem Themenabend: "Liebe oder Leberwurst" mit Michael Grewe. Fand hier in der Nähe statt. War sehr interessant. Kennt Ihr Grewe ?
Zum Teil hatte ich den Eindruck, dass die Besucher ein bisserl überfordert waren. Für mich ist der Punkt, der sich da heraus gearbeitet hat nicht nur hinsichtlich des Umgangs der Menschen mit Hunden sondern vielmehr, dass es sich um ein generelles Problem unserer heutigen Gesellschaft handelt, nicht mehr konfrontationsfähig, nicht mehr auseiandersetzungsfähig zu sein, nicht mehr mit dem Echten, Wirklichen (im Sinne des Wortes) umgehen zu können oder auch zu wollen, sondern immer "sozial" und pädagogisch und psychologisch (DAS mag ich ganz besonders..) und im schlimmsten Fall "psychologisch wertvoll sozial-pädagogisch" HARMONIE suchend und vermeintlich findend mit ALLEN Situationen umgehen zu können. Sorry, welche Leuchte hat eigentlich diesen gänzlich an der Natur und dem Leben VORBEI gehenden Schwachsinn erfunden ? Ich befürchte, dass Freud ein wenig damit zu tun hatte.
Und ausserdem hat Harmonie nun gar nix mit gleich bleibend oder immer nur gut und schön zu tun. Im Gegenteil - sie bedeutet Kontrapunkte, die sich gegenseitig bedingen und zusammen zu einem Ganzen werden - um sich dann wieder auseinander zu bewegen. Kurz gesagt: Eine "Flatline" bedeutet.... ? Und eine Sinuskurve bedeutet...? Na also.
Naja, jedenfalls war dieser Vortrag für mich ein Zeichen, dass es schon Hundefachleute gibt, die ernsthaft die Gesamtheit der Beziehung Mensch und Hund beleuchten und die gleichzeitig darauf bestehen, dass ein Hund gefälligst noch ein Hund sein darf. Und dann funktioniert es auch. Wenn beide bei sich bleiben - und wenn der eine den anderen in und auch TROTZ seiner Andersartigkeit annimmt (ist übrigens auch die Definition von "Emanzipation", nur so am Rande).
Wenn es Euch interessiert, schreibe ich ein wenig konkreter über das, was da so alles gesagte wurde. Liebe Grüße. Petra
Daisy
 

Re: Man bildet sich ja weiter...

Beitrag#2von huetefuchs » 4. Nov 2012, 19:36

...ich würde sehr gern weiterlesen hier ...
Di.
Zwei Dinge sind zu unserer Arbeit nötig:
Unermüdliche Ausdauer und die Bereitschaft, etwas, in das man viel Zeit und Arbeit gesteckt hat, wieder wegzuwerfen.
A. Einstein 1879-1955

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Re: Man bildet sich ja weiter...

Beitrag#3von Chica » 4. Nov 2012, 20:08

Hi Petra,

ich auch...

LG
Mara
Chica
 

Re: Man bildet sich ja weiter...

Beitrag#4von Daisy » 4. Nov 2012, 22:38

Ich schreibe bis Morgen eine Narration. Liebe Grüße. Petra
Daisy
 

Re: Man bildet sich ja weiter...

Beitrag#5von Zottelpudel » 5. Nov 2012, 00:39

Das klingt gut, da bin ich auf mehr gespannt!
Zottelpudel
 

Re: Man bildet sich ja weiter...

Beitrag#6von Daisy » 5. Nov 2012, 21:19

Ich versuche jetzt mal, die folgende Zusammenfassung so sachlich wie möglich zu halten. Dabei gehen natürlich die Feinheiten verloren. Aber die von mir oben geschilderte Essenz des ganzen Abends gibt eigentlich einen Hinweis, worum es im Kern ging.

Liebe oder Leberwurst
oder
„Ich kann Ihnen nicht sagen, zu welchem Hundetrainer Sie gehen sollen. Ich kann Ihnen aber sagen, zu welchem Sie nicht gehen sollten“.
M. Grewe
Themenabend am 03.11.2012 in Georgensgmünd

Angefangen hat er den Abend mit der unbeantwortbaren aber immer wieder gestellten Frage „Was ist Liebe“ – Blieb natürlich auch hier unbeantwortet, wohingegen er in die Runde fragte „Wer liebt Menschen, Wer liebt Tiere?“ Auf letztere ist er ein wenig eingegangen dahingehend, als er meinte, dass wir alle uns auch darüber im Klaren sein müssen, dass wir das, was wir lieben, auch essen und damit ein wenig an den bewussteren Umgang mit diesem Thema appellierte.
Eingangs stellte er in einer Folie M+H in den Mittelpunkt und darum gruppierten sich die Faktoren, die diese beeinflussen: Medien, Futtermittelindustrie, Züchter, Ausstattungs- und Spielsachen Verkauf, Nachbarn, Hundetrainer.

1. Medien
Die Medien werden ihren eigentlichen Möglichkeiten nicht gerecht. Im Grunde wären sie es ja eigentlich, die die Problematiken die sich zwischenzeitlich ergeben haben, zum einen besser beleuchten und desweiteren, ihnen auch ernsthaft auf den Grund gehen und sie dem breiten Publikum vermitteln könnten. Ist das Nachmachen dessen, was da zum Teil gezeigt wird, wirklich Liebe zu dem Tier? Sind diese Hundeprofis aus dem Fernsehen wirklich beziehungsfördernd oder nicht eher das Gegenteil.

2. Futtermittelindustrie
Man macht sich inzwischen mehr Gedanken um das richtige Futter für den Hund als um die eigene Ernährung oder die Ernährung unserer Kinder. Früher ging es doch auch, dass Hunde z.B. Reste gefüttert bekamen. Haben die Menschen deswegen ihren Hund weniger geliebt?

3. Züchter
Züchter habe eine hohe Verantwortung. Wie verantwortungsvoll ist es eigentlich, einer Frau von knapp 80 Jahren, die in der Innenstadt in einer Wohnung lebt, zwei Kangalwelpen zu verkaufen?

4. Ausstattungs- und Spielsachen Verkauf
An jedermann alles zu verkaufen ist schlichtweg gefährlich – und zwar für den Hund und den Halter.

5. Nachbarn
Ein sehr eigenes Thema – aber ein Nachbar bekommt ja schon einen hysterischen Anfall, wenn der Hund des anderen Nachbarn an den Zaun springt. Dann wird der Hundetrainer geholt...

Wenn sich jemand einen Hund holt – sei es ein Welpe oder ein Hund aus dem Tierheim – ist er von all diesen Faktoren beeinflusst. Er muss sich in dieser Informationsflut, diesem Wust an Angeboten und gesellschaftlichen Erwartungen zurecht finden und sich und seinen Hund darin einpassen. Was zunehmend schwieriger wird, weil vor allem die gesellschaftlichen Anforderungen - die von den Medien geschürt und vom Markt natürlich ausgeschlachtet und „bedient“ werden – immer abstruser werden. Z.B. der Hund springt mal an den Zaun oder bellt, weil ein Fremder vorbei geht (das ist der Grund, warum man früher mal einen Hund hatte...!), wird von den anderen schief angesehen, wenn er sich erlaubt, seinen Hund zu maßregeln – von den gleichen anderen, die sich darüber aufregen, wenn der Hund sich mal wie ein Hund benimmt. Der Hund darf nicht mehr raufen, darf kein hundetypisches Verhalten mehr zeigen, aber soll doch immer noch Hund sein.

Dann kommt der Hundetrainer ins Spiel, weil man trotz TV-Hundeprofi, trotz zahlreicher einschlägiger Literatur, trotz Halti, Geschirr, Sitz-Platz-Fuß mit extra hierfür produzierten Leckerli eine „Wildsau“ neben sich hat.

Er nahm als Beispiel eine junge Frau, die als Welpe einen Viszla geholt hatte und der sich nun als erwachsener Hund bei jeder Hundebegegnung aufführt wie ein Verrückter. Diese Dame also sucht nun Hilfe von einem Hundetrainer.


6. Hundetrainer
Als da gibt es sehr viele, die sich u.a. bezeichnen als Kynotherapeut, Hundepsychiater, Verhaltenstherapeut, Hundeflüsterer etc.

Sein Rat:

Gehen Sie nicht

- zu jemanden, der für die Auswertung eines von ihm vorgefertigten Standardfragebogens 250 Euro verlangt. Auch wenn dieser von wissenschaftlicher Natur ist (Anmerkung von mir: das gibt es wirklich, ich selbst kenne auch die Institution, die das anbietet).
- zu jemanden, der Ihnen 100% Erfolg verspricht (das ist unfair, denn wenn Sie die 100% nicht schaffen – was mehr als wahrscheinlich ist, sind Sie dann wieder Schuld, dass es halt doch nicht klappt).
- zu jemanden, der Ihnen verspricht, dass Ihr Hund nie wieder jagen wird nur durch Einsatz von Leckerli (das ist schlichtweg nicht machbar, jagen ist Trieb und dem geht ein Hund nach, so gute Leckerli gibt es gar nicht wie das Gefühl, das sich beim Jagen einstellt. Und dieser Hundetrainer hat SEINEM Hund mit Sicherheit nicht das Jagen durch Leckerli abgewöhnt, sondern eben mit der brutalen Methode).
- zu jemanden, der von Ihnen verlangt, dass Sie quietschen
- der selber quietscht
- der sagt „lassen Sie mich das nur machen.... (alte Hundeplatzmethode, Unterton: Ich krieg das Vieh schon in den Griff). Ist aber heute eher die Minderheit
- der Ihnen sagt, Sie sollen sich die Lippen lecken, gähnen etc. Sie sind kein Hund und machen sich allenfalls vor Ihrem Hund nur lächerlich
- der Ihnen ohne Kenntnis von Ihnen und/oder Ihrem Hund Ratschläge am Telefon erteilt
- der Ihnen verspricht, dass seine Methode die einzig wahre ist
- der für jeden Hund den gleichen Umgang anwendet. (und auch für jeden Halter)
- der den Ruck an der Leine verteufelt
- der den Ruck an der Leine verherrlicht
- der Ihnen sagt, dass mit Kastration das Problem behoben wird (Kastration ist SEHR genau abzuwägen und KEIN Erziehungsmittel. Das Tier weiss doch nicht mehr, was oder wer er/sie und dann eben ES ist. Und die anderen Artgenossen haben dann hinsichtlich der geschlechtlichen Einordnung auch öfter ihm/ihr/es gegenüber ihre Zweifel)
- mit Tabletten kriegt man das in den Griff (analog zu den sog. ADHS Kindern. In den wenigstens Fällen ist extremes, auffälliges Verhalten wirklich krankheits oder genetisch bedingt)

und noch viele mehr, die ich mir nicht alle gemerkt habe (habe nicht mitgeschrieben).

Wie gemein ist es eigentlich, dass wir uns Hunde anschaffen, deren größtes Bestreben es ist, sich anzupassen - sonst wären sie auch nie in diese einzigartige Rolle mit dem Menschen gekommen - und von denen wir dann noch verlangen, sie sollen zwar Hund sein aber möglichst ohne hündisches Verhalten. Wieso haben wir Menschen inzwischen ein solches Problem mit Raufereien unter Hunden, mit deren Bedürfnis, sich zu positionieren, mit Konfrontation und Auseinandersetzung, mit Erziehung (und DIE ist nicht immer schön). Und wenn wir dann mit dem Resultat, was wir hier selbst erzeugt haben, konfrontiert sind, wird das Tier abgeschoben ins Tierheim oder gar eingeschläfert. Wieso können wir nicht auch mal sagen – und zwar zu Hause ebenfalls wie d’raußen, denn wenn mein Hund mich zu Hause nicht ernst nimmt, tut er es d’raußen erst Recht nicht – Kleiner, so nicht, das WILL ich nicht, lass mal.

Geschlossen hat er den Abend mit: Ein Hund ist ein Lebewesen, das auch ab und an stinkt und Flöhe hat.

So, mein Versuch, das ganze etwas zusammen zu fassen. Wie gesagt, verloren geht hierbei natürlich die Finesse und die Intelligenz, mit der dieser Vortrag gehalten wurde.
Er hat zwei Bücher geschrieben: „Hunde brauchen klare Grenzen, Gesetze einer Freundschaft“ und „Hoffnung auf Freundschaft“. Ich habe beide gelesen und fand sie sehr gut.

Liebe Grüße
Petra
Daisy
 

Re: Man bildet sich ja weiter...

Beitrag#7von Zottelpudel » 5. Nov 2012, 21:35

Danke Petra - das Buch mit der Freundschaft habe ich mir jetzt bestellt. Es wurde im Pudelforum beschrieben und hat auch ganz viele gute Kritiken. Und nun lese ich das hier von Dir! Das ist ja witzig!

Aber in der Richtung denke ich eben auch - daß viel zuviel Brüh gemacht wird, alles so hochgespielt und der gesunde Menschenverstand und das Gefühl verloren gehen.
Zottelpudel
 

Re: Man bildet sich ja weiter...

Beitrag#8von Daisy » 5. Nov 2012, 22:08

Hi
habe hier einen etwas älteren Artikel von Grewe über Aggressionsverhalten des Hundes gefunden. Gibt vielleicht in Kürze ein etwas deutlicheres Bild über die Herangehensweis und Ansichten; passt ja auch ein wenig in die Thematik "der Hund ist Hund".

http://www.bleib-hund.de/wp-content/upl ... en_269.pdf
Daisy
 

Re: Man bildet sich ja weiter...

Beitrag#9von Chica » 6. Nov 2012, 08:46

Guten Morgen,

Bild Petra, für Deine Mühe!

Vieles, was wir auch immer betonen...
Heute scheinen die Menschen ihr "Bauchgefühl" verloren zu haben, sie orientieren sich nur noch an Andere (Hundeschulen boomen und JEDER darf sich so nennen....) - möchte nicht jeden Punkt kommentieren...

Den Link habe ich nur überflogen, da muss ich mir mehr Zeit nehmen!

LG
Mara
Chica
 

Re: Man bildet sich ja weiter...

Beitrag#10von huetefuchs » 6. Nov 2012, 14:32

Moin,

wow - es spricht ja nur FÜR den Vortrag , wenn man so viel davon im Kopf behalten hat , Petra ....
Auch von mir DANKESCHÖN für die Eindrücke.
Den verlinkten Text hab ich gelesen ...auch da kann man eigentlich nur nicken.

LG
Dietmar
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